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Morde ohne Schuld? Opfer als Täter

Von Regine Wagner am 18. August 2016
Als Anna verschwindet, da beginnt für den Protagonisten eine neue Zeitrechnung. Tag dreizehn, Tag zwölf, Tag elf..... Fassungslos zählt er die Tage, seitdem Anna sich nicht mehr bei ihm gemeldet hat. Einfach verschwunden, wie die Exfrau, die sich trennte und ihm den gemeinsamen Sohn vorenthalten will, wie die Mutter, die starb, als Arvad neun Jahre alt war... Während eines nächtlichen Spazierganges am Strand findet er eine Frauenleiche in der Nähe seines Ferienhauses. Er war nicht ahnungslos: „Etwas störte seine Gedanken. Ein schwarzer Punkt an der Wasserlinie, umspült von Wellen... Arvad lief und lief und seine Augen fanden immer wieder zu dem sich markant abhebenden, schwarzen und dicker werdenden Strich, der wie Treibholz in der Wasserlinie lag.“ Arvad findet Anna, ihr Gesicht entstellt, weil die Augen entfernt wurden. Sie waren grün, wie die Augen seiner Mutter...
Auch Hilja, Arvads neue Liebe, hatte grüne Augen, auch sie wird später verschwinden.

Grüne Augen als traumauslösender Trigger. Arvad, das traumatisierte Kind. Die Mutter, die den Vierjährigen immer wieder anschreit, wird von ihm als übermächtig und gewalttätig erlebt. Sie macht ihm Angst. Er fühlt sich hilflos in die Enge getrieben. Da er zu ihr auch eine positiv-affektive Bindung aufgebaut hat, wirkt sie besonders bedrohlich. Die positiven Gefühle für die Mutter lassen die negativen, destruktiven nicht ins Bewusstsein.

So wird Arvad in der ersten Hälfte des Buches vorgestellt. Er weiß nicht, warum die Menschen verschwinden, die er am meisten liebt. Doch wenn er abgleitet aus dem Wachbewusstsein in die Tagträume, dann tauchen Bilder auf: der schwarze Punkt in der Wasserlinie, das kaputte Geländer an der Galerie, der neunjährige Arvad, der sich vor der Mutter in einer Nische auf dem Dachboden versteckt...

Allmählich gelangen die frühen Verletzungen in Arvads Bewusstsein. Auch seine Bewältigungsversuche. Die problematische Mutterbindung führt dazu, dass er sich zu Frauen hingezogen fühlt, die ihn an die Mutter erinnern. In seinen Liebesbeziehungen braucht es dann nur einen schwachen Auslöser, um an das alte Trauma zu rühren.
Hilja, die neue Liebe dreht sich von Arvad weg, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Für Arvad hat Hilja sich von i h m abgewandt, hat ihn verraten.
„Bebend und zitternd entflammte unbändige, brodelnde Wut in ihm. Sie waren tatsächlich alle eins geworden, seine Mutter, Ireen und Anna. Und sogar seine neue Liebe Hilja, besonders das quälte ihn ... sie will ihn auch nur verletzen, genauso wie die anderen. Es hat einfach keinen Sinn...“

Mit Gewalt versucht Arvad dem schmerzhaften und ausweglosen Dilemma zu entkommen.
Gewalt gegen andere und sich.
Aber das kann es doch nicht sein. Das Buch hat mich nachdenklich und ratlos gemacht.
Dem Autor gelingt ein eindrucksvoller Einblick in das Seelenleben eines Täters, der gleichzeitig Opfer ist. Ich spüre Empathie mit dem einsamen, verängstigten und verzweifelten Kind, ebenso mit dem traumatisierten Mann, der so ohne Hoffnung ist und der die Realität nur erträgt, weil er hin und wieder herausgleiten kann in seine Tagträume...
Meine Empathie gilt aber auch den Opfern, die mehr oder weniger auch Täter sind. Die Mutter erscheint nicht etwa als eiskalte Psychopathin, sondern als gestresste Frau, die schon mal die Fassung verliert und Arvad anschreit. Für Arvad zu oft... Den Tod hat sie dafür nicht verdient. Auch Anna und Hilja nicht, die das Pech hatten, sich in Arvad zu verlieben. Das ist tragisch.

Insgesamt gesehen ein spannendes Buch, das mich vor allem an die Geschichten von Patricia Highsmith erinnert. Dem Autor gelingt das lebendige Bild eines traumatisierten Menschen, dessen Bewusstsein immer wieder abgleitet ins Wahnhaft-Traumhafte. Der im Wahn zum Täter wird, weil er sich vor seelischen Verletzungen schützen will, wie sie ihm als Kind zugefügt wurden.

 

Nichts für schwache Nerven, 23. September 2016

Von 
Rezension bezieht sich auf: Morde ohne Schuld: Grüne Augen waren sein Schicksal (Taschenbuch)
Nichts für schwache Nerven ist der gerade erschienene Roman von Artur Hermanni mit dem Titel „Morde ohne Schuld“. Die Handlung spielt überwiegend in Schleswig-Holstein, Hamburg und Dänemark. Im Mittelpunkt des Psycho-Thrillers steht Arvad Clausen. Ein schreckliches Erlebnis aus seiner Kindheit lässt ihn sein Leben lang nicht mehr zur Ruhe kommen. Von seiner Mutter fühlt er sich im Stich gelassen. Kurz nach seinem Start ins Berufsleben als Ingenieur nimmt das Schicksal seinen Lauf. Gerade mal dreißig Jahre alt, bescheinigen Ärzte ihm eine psychische Störung. Zuvor verliert er während einer Einkaufstour die Orientierung und Kontrolle. Er stürzt und ist für einige Zeit bewusstlos. Zu allem Überfluss verliert er noch seinen Arbeitsplatz. „Sekunden können Stunden sein.“ Wie ein Refrain steht dieser Satz nach jeder neuen Strophe seines als Roman komponierten Lebensliedes. Er zeigt die gefühlte Zeit seines Leidens an, von dem er sich nur hin und wieder durch Joggen kurz befreien kann. Sogenannte dissoziative Störungen überwältigen Arvad regelmäßig und äußerst unangenehm.

Arvad Clausen lernt Ireen Peters kennen und lieben. Sie bekommen ein Kind. Doch die Beziehung zu Ireen hält nicht lange. Nun muss er darum kämpfen, seinen Sohn Cohen sehen und besuchen zu können. Arvad verliebt sich nach der Trennung in Anna Haberstedt, Ireens Freundin. Beide sind Ärztinnen, Anna Urologin und Ireen Kinderärztin. Anna und Arvad begegnen sich im Krankenhaus, als sie herausfinden soll, ob die Vermutung, Arvad könne Prostatakrebs haben, richtig oder falsch ist. Ohne Befund entlässt sie Arvad aus der Klinik. Er hat zwar Krebs, doch im Untersuchungsbericht steht das Gegenteil. Wer hat den Bericht gefälscht? Diese Frage beschäftigt Kommissar Roland Borlanski im Zusammenhang des plötzlichen Verschwindens von Anna Haberstedt.

Während seines Urlaubs in Dänemark entdeckt Arvad eine tote und verstümmelte Frau am Strand. Arvad ist schockiert. Wer ist sie? Wer tut ihr das an? Auch die frisch in ihn verliebte Anna meldet sich auf einmal nicht mehr. Gibt es einen Zusammenhang? Nur mit Müh und Not kommt Borlanski bei seinen Ermittlungen voran.

Von Trennungen und Schmerzen ist Arvads Leben geprägt. Ireen und Anna, Frauen, die er liebt und wieder verliert, haben die gleichen grünen Augen wie seine Mutter. Und später kommt auch noch Hilja Wien hinzu, die er während des Aufenthalts in einer Reha trifft. Auch sie hat grüne Augen. In den Augen dieser Frauen sieht er immer wieder seine Mutter, die ihn von Kindesbeinen an erniedrigt. Eine Kette, ein silberner Anhänger mit den Initialen I und A auf der einen und der liegenden Acht auf der anderen Seite, die in der Erzählung eine Rolle spielen, werden Arvad zu einem Symbol der unendlichen Endlichkeit seiner paradoxen Liebesbeziehungen.

Vor allem der zweite Teil des Romans ist spannend geschrieben. Eine äußerst gruselige Überraschung bewahrt sich der Autor bis zum Schluss auf. Detailliert und anschaulich beschreibt er die Orte der Handlung, die Städte, Straßen und Landschaften. Ebenso in allen Einzelheiten erläutert er Diagnosen und Symptome, die den gestörten Arvad Clausen betreffen. Zuweilen entsteht der Eindruck, dass der 53-jährige Autor, Architekt und Unternehmensberater, mit dem Roman sein eigenes Leben analysiert. Er ist neutraler Erzähler in der dritten Person, ergreift aber Partei für den am Ende ausgestoßenen und abgeschobenen Arvad. Das Buch ist im Stil eines Berichtes geschrieben. Seitenweise gleicht es einer psychologischen Studie. Es ist ein Krimi, in dem es reichlich Tote gibt, aber keinen Mörder, der zur Rechenschaft gezogen wird. Schuld haben die Opfer. Was sie aber denken und fühlen, wie es ihnen geht und warum sie so sind, wie sie sind – diese Fragen bleiben weitgehend offen. Hätte der Autor aus ihrer Perspektive erzählt, hätte das die Geschichte noch spannungsreicher und authentischer gemacht. Schade ist, dass der Verleger des Buches das Manuskript nicht vernünftig korrigiert hat. Alles in allem ist „Morde ohne Schuld“ dennoch ein lesenswertes Buch.

Ralf Porps

Spannender Psycho-Krimi, 23. Oktober 2016

Von 
Rezension bezieht sich auf: Morde ohne Schuld: Grüne Augen waren sein Schicksal (Taschenbuch)
Depression, Zwänge und Dissoziationen plagen Arvad seit vielen Jahren. Ein Eckpfeiler seiner persönlichen Therapie ist der alljährliche Dänemarkurlaub, in dem Arvad ausgiebig am Strand läuft und für wenige Augenblicke seinen inneren Schmerz vergessen kann. Doch eines Tages findet er eine grausam zugerichtete Leiche in der flachen Brandung des Meeres, der die Augen entfernt wurden. Dieses schockierende Ereignis löst bei Arvad schwere Schübe von Dissoziationen aus, die kaum kontrollierbar sind.
Der Tod der jungen Frau bleibt zunächst unaufgeklärt, bis Kommissar Borlanski den Fall übernimmt. Er befragt Arvad, seinen einzigen Zeugen, der jedoch aufgrund seiner psychischen Erkrankung schnell zum Hauptverdächtigen wird.
Der Autor Artur Hermanni taucht tief in die Gefühls- und Gedankenwelt der Hauptperson ein und beschreibt, mitunter fast poetisch, den Sturm, der im Inneren des psychisch Kranken wütet. Dafür ganz klar fünf Sterne!